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Autor Thema: Interkulturelle Unterschiede im Arbeitsverhalten von Deutschen und Franzosen  (Gelesen 3532 mal)

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Interkulturelle Unterschiede im Arbeitsverhalten von Deutschen und Franzosen
(aus: Deutsche in Frankreich)

Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten? Alleine an dieser Aussage verdeutlicht sich die unterschiedliche Einstellung zur Arbeit zwischen Franzosen und Deutschen.

Das Beispiel des Herrn Müller

Herr Müller, ein Geschäftsmann aus Deutschland, trifft mit seinen französischen Partnern in Paris zusammen, um eine geschäftliche Entscheidung zu fällen. Die Sitzung verläuft für beide Seiten unerfreulich. Die französischen Partner erscheinen unpünktlich. Herr Müller bruskiert sie durch seine offensichtliche Ungeduld während der weitschweifigen Diskussionen.

Am Ende erreicht man zur Freude des Deutschen endlich ein gemeinsames Ergebnis. Aber: die französischen Partner stellen es plötzlich wieder in Frage und ändern ihre Ansicht. Eine erneute Enttäuschung für Herrn Müller, der sich am Ziel geglaubt hat. Während der Deutsche die französischen Partner als unzuverlässig und ineffektiv erfährt, erleben sie ihn als unflexibel und desinteressiert an ihren kreativen Ideen. Am Ende gehen die Geschäftspartner mit einem unguten Gefühl auseinander, ohne zu begreifen, was da schief gelaufen ist.

Die unterschiedlichen Perspektiven

Wie es soweit kommen konnte, erklärt schließlich ein extra Schaukasten zur dargestellten Comédie. Hier werden Akt für Akt die unterschiedlichen Perspektiven des Deutschen und der Franzosen zur jeweiligen Situation einander gegenüber gestellt. Das größte Problem für den Deutschen, so kristallisiert sich bei der interessanten Gegenüberstellung heraus, ist die Mißachtung des Zeitplanes. Für ihn ist die Einhaltung des Zeitplanes zentral. Er will in der vorgegebenen Zeit zu einem befriedigenden Ergebnis kommen. Er versteht nicht, warum die Franzosen sich unkompliziert über zeitliche Begrenzungen hinwegsetzen. Für sie nämlich, so enthüllt ihre Perspektive, ist der Zeitplan völlig uninteressant. Sie wollen den Partner kennenlernen und in einer gemeinsamen Diskussion kreative Ideen entwickeln. Auch ist für sie nicht so entscheidend, wenn am Ende der Sitzung noch kein Ergebnis vorliegt. Sie empfinden dies nicht als ineffektiv und haben kein Problem damit, das gefundene Ergebnis nochmals in Frage zu stellen.

Die “Comédie dramatique en quatre actes” zeigt auf anschauliche Weise, mit welch unterschiedlichen Vorstellungen Deutsche und Franzosen arbeiten und geschäftliche Probleme behandeln und wie wenig die einen offenbar mit den kulturellen Gepflogenheiten des anderen vertraut sind.

Les différences culturelles

In dem ausführlicheren Artikel “Les différences culturelles” führt “Ecoute” im Anschluß an diese Fallstudie das Thema Unterschiede im Arbeitsverhalten der Länder weiter aus und gibt Deutschen, die mit Franzosen arbeiten wollen, Tipps, um nicht gleich von Anfang an ins Fettnäppchen zu treten.

In fünf Abschnitten werden die Themen Communication, Relation professionel, Temps, Motivation und Valeurs des Francais et des Allemands behandelt. Es geht immer wieder die Aufforderung an die Deutschen, sich dem Stil der Franzosen anzupassen und beispielsweise im Gespräch nicht allzu direkt zu sein oder den französischen Partner nicht mit Werten wie Pünktlichkeit oder Effektivität zu motivieren.

Ein wenig entsteht der Eindruck, als müssten deutsche Geschäftsleute ihre Verhaltensweisen und Erwartungen im Umgang mit französischen Partnern völlig zurückstellen, während die französischen Partner ihre Gewohnheiten nicht in Frage zu stellen brauchten. Die Darstellung wirkt durch die eingestreuten Tipps wie ein Benimmkurs für die ungehobelten Deutschen im Ausland. Wäre nicht auch zu erwarten, dass französische Geschäftsleute bei einer Zusammenarbeit in der Lage sind, die kulturellen Gewohnheiten und Eigenheiten ihre deutschen Partners ebenso zu respektieren? Ein Entgegenkommen könnte schließlich von beiden Seiten stattfinden.

Fazit des Artikels

Fazit des Artikels “Les différences interculturelles” ist schließlich:

Die Werte, die Franzosen und Deutsche mit Arbeit verbinden, erweisen sich als grundverschieden. Für die Franzosen stünden bei der Arbeit Begriffe wie Macht, Originalität und Herausforderung im Vordergrund, für die Deutschen das Geld, die Rentabilität und die Sicherheit. Ob man so stark polarisieren kann, bleibt dahingestellt. Dass aber in beiden Ländern unterschiedliche Wertvorstellungen und Motivationen in Verbindung mit Arbeit bestehen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Das interkulturelle Dossier der Zeitschrift “Ecoute” gibt aufschlussreiche Einblicke in die Lebens- und Arbeitsmentalität der französischen Nachbarn und in besonderer Weise auch in unsere eigene deutsche. Gerade das Beispiel des Herrn Müller enthüllt auf frappierende Art die starke Zeitbezogenheit der Deutschen. Der Zeitdruck ist tatsächlich ein gewisses Merkmal der deutschen Gesellschaft. Man will Zeit sparen ebenso wie das Geld und dabei bleibt doch so manches andere Wesentliche auf der Strecke. Ein bisschen sind die Franzosen da um ihre Unbekümmertheit in Zeitdingen fast zu beneiden.

 Das interkulturelle Dossier zum Thema Arbeit schließt ab mit einem Interview mit Jochen Peter Breuer, dem Gründer und Geschäftsführer der JPB Unternehmungsberatung für transkulturelles Beziehungs-Management. Er ist ein Spezialist für die Problematik in der deutsch-französischen Zusammenarbeit und analysiert in detaillierter Weise noch einmal die grundlegenden Ursachen für bestehende Probleme. Auch hier gibt es viel zu entdecken im interkulturellen Vergleich der Länder und viel zu lernen.
...nur fledermäuse lassen sich hängen...